Über Bücher, Listen und dringliche Empfehlungen

Seit 2017 führe ich Listen über alle Bücher, die ich lese. Begonnen hat das nicht unbedingt aus dem Bedürfnis, Aktivitäten zu tracken, aus dem ich heute vielleicht ein bisschen zu viele Aktivitäten tracken, aber das ist ein anderes Thema. Ich begann die Listen, weil ich einmal vor meinem Bücherregal stand, meinen Blick über die Buchrücken gleiten ließ und meine Gedanken über Welten zwischen ihren Buchdeckeln. Plötzlich hatte ich Angst, die Bücherei-Bücher für immer zu vergessen, weil sie ja nicht manifest als kleine Erinnerungen bei mir rumstanden. Und da begann ich die Listen. Tatsächlich schaue ich auch öfter nach, wie der eine Roman da nochmal hieß, wessen Buchreihe ich letzten Herbst verschlungen habe, welches Sachbuch ich angelesen zurückgeben musste, weil die Leihfrist schneller war als mein Lesetempo.

Heute ist es eine richtige kleine Datenbank, die ich da pflege: Titel, Autor*in, Sprache, Proprietär (also ob Bücherei, gekauft, geliehen, geschenkt), Medium (Papier, Ebook oder Hörbuch), Datum, Handlungsort (Land oder Kontinent), Themenschwerpunkte (etwa ob es historisch ist und wenn ja, welche Epoche) …. Am Ende eines Jahres mache ich dann eine kleine Auswertung, wieviele Bücher ich abgebrochen habe etwa, oder wieviele eine weibliche Protagonistin haben.

Wobei ich nicht alle Kategorien immer ausfülle. Die Bewertungsskala bleibt meist leer, weil es mir schwer fällt, einem Buch einen Wert zu geben. Leichter fällt mir zu unterscheiden, wie dringend ich sie anderen empfehlen will. Hier sind ein paar, die ich in letzter Zeit gelesen habe und ganz dringend empfehlen will. In Kategorien, die vielleicht eher Spotify-Playlisten-Beschreibungen sind, als Genres.

Bücher, die eigentlich zu traurig sind, aber auch zu gut, um sie zu verpassen:

Wild dark shore / Die Rettung – Charlotte McConaughy
Auf einer einsamen Insel zwischen Neuseeland und der Antarktis ist eine Forschungsstation, ein Tresor voller Saatgut aus der ganzen Welt, mit dem nach Überschwemmungen oder anderen Umweltkatastrophen die Natur wieder gerettet werden kann und eine Leuchturmwärterfamilie. Plötzlich ist da auch eine angespülte Schiffsbrüchige, die Forscher*innen von der Station hingegen sind verschwunden. Es geht um Verlust und Angst und Mut und Familie und das Klima.

My friends / Freunde fürs Leben – Fredrik Backman
Eine wütende Jugendliche, die wirklich niemanden mehr hat auf der Welt, rennt auf der Flucht vor dem Sicherheitspersonal des Museums, in dem sie vielleicht eine kleine Zeichnung an die Wand gemacht hat, in einen Künstler hinein. Offenlegung: Ich musste das Buch pausieren, weil es zu traurig wurde, aber Fredrik Backman hat mich zwar schon öfter traurig gemacht aber nicht enttäuscht, deswegen jetzt schon hier zu finden.

Blue sisters – Coco Mellors
Drei Schwestern ringen miteinander, mit ihren großen und kleinen Krisen und mit der Abwesenheit der vierten Schwester. Auch hier gehts um Verlust und Familie, und wieviele unterschiedliche Reaktionen die gleiche Situation auslösen kann.

Bücher, die sich Probleme unsere Gesellschaft anschauen und dann passiert aber etwas, was die Realität im Buch immer mehr von der Realität unserer Welt abweichen lässt, was manchmal absurd aber auch einfach sehr interessant ist:

Und alle so still – Mareike Fallwickl
Frauen streiken plötzlich, liegen auf der Straße anstatt zur Arbeit zu gehen aber vor allem auch anstatt zu Hause den Laden zu schmeißen. Die Perspektive einer Influencerin, einer Pflegerin und eines Fahrradkuriers auf all das ist bedrückend und spannend zu gleich.

The trees / Die Bäume – Percival Everett
In Mississippi werden lauter Rednecks umgebracht, die im Zusammenhang mit Lynchmorden standen. Sind das jetzt umgekehrte Rache-Lynchmorde? Das Buch wirft die Frage auf, ob ein Buch über schlimme Gewalt und Rassismus lustig sein darf

Bücher, die schlimme echte Geschehnisse behandeln, über die man mehr wissen sollte, aber auch einfach gut geschrieben sind:

Petit Pays / Ein kleines Land – Gaël Faye
Gaby erlebt in den 90er Jahren in Burundi Dinge, die Zwölfjährige in Coming-of-Age-Romanen eben so erleben. Bis die Cliquenkonflikte und die Streitereien seiner Eltern plötzlich vom Auseinanderbrechen des Landes übertönt werden.

ë – Jehona Kicaj
Die Erzählerin flüchtet als Kind mit ihren Eltern aus dem Kosovo. Als Erwachsene zerbeißt die jede Knirschschiene und fragt sich, ob ihr Kiefer da Worte und Schreie zerbeißt, für die ihr die Worte fehlen. Es geht um Krieg und Migration, Sprache und Identität.

Mir fallen noch viel mehr solcher Kategorien ein, vielleicht wird das hier eine wiederkehrende Reihe. Noch mehr Meinung zu Büchern die ich gelesen habe findet ihr übrigens immer in der Kategorie Abgehakt im Podcast Ganz Kurz Kontext.