Album

Der Januar startet vielleicht als weiße Leinwand aber natürlich sind da Spuren im Schnee. Man blättert um, das Jahr, den Monat, den Tag, aber da sind noch die Löcher der Reißzwecken, die letzte Saison da steckten. Mit jeder Stunde, die sich in den Januar stanzt, ist er weniger neu, wird er etwas durchlässiger, bis der Februar ganz da ist.
Das mit dem Dezember ist ja immer so eine Sache. Vor lauter Plätzchen backen und Punsch trinken kommt man manchmal gar nicht dazu, die Lichterketten aufzuhängen und Weihnachtslieder zu singen. Man muss Geschenke kaufen und irgendwohin, wo man Schlitten fahren kann, oder wo Sonne ist. Und dann hat man ja eigentlich auch noch einen Job oder ein Studium und vielleicht noch eine Grippe.
Am Ende geht’s aber um den, der in der Krippe liegt. Und wenn die Sonne dazu scheint vergisst man fast, dass der Winter gerade erst angefangen hat.
Der November schmeckt nach Ingwer, der seit Stunden in meinem Becher seine Schärfe das Wasser durchziehen lässt. Und er klingt nach dem rhythmischen Klackern der Absätze, die in ihrer Hörbarkeit selbstbewusstere Schritten fordern.
Der November sitzt mir im Nacken, hat sich in die Schultermuskeln verspannt. Er flackert wie Lichterketten, Signalleuchten und Kerzen im Dunkeln, im Studio und in den Geschäften. An den Fingerkuppen hat der November die Erinnerungen vieler Saiten.
Lange Mäntel, lange Spaziergänge, lange vorlesungsfrei, lange nicht gesehen, lange Gesichter, wenn es wieder mal regnet, lange auf den Bus warten, lange Abende, aber nicht, weil sie bis in die Nacht gehen, sondern weil der Tag sich früh verabschiedet. Der Oktober selber war auch lang, meine Pünktlichkeitsserie hier auch. Aber man darf ja gnädig mit sich sein, mal zu spät, mal müde, mal ne Kerze anzünden und ihr beim lange fackeln zusehen.
September also. Ein bisschen Abschiednahme von Sommerlichkeit und Leuten, die ich am Anfang des Monats noch gar nicht kannte. Ein bisschen Patchwork-Decke aus schwäbischer Alb, good old moguntia und even older Gent auf den fröstelnden Knien. (Können Knie frösteln oder kann das nur ich, und sie gehören eben zu mir?)
Ein bisschen Sonne, ein bisschen Regen, ein bisschen krank, ein bisschen was sehen. September also.
Es ist August und ich stehe bis zur Hüfte im trüb-rötlichen Wasser eines schwedischen Sees. An dieser Stelle vielleicht eher ein Teich. Zwischen meinen Zehen quillt der weiche schlammige Grund hervor, irgendetwas streift meine Waden, ein paar Stechmücken sirren um mich herum wie Planeten auf einer Umlaufbahn.
Am Himmel haben sich lila-graue Wolken vor die Sonne geschoben und kündigen ein Sommergewitter an. Die weißen Seerosen liegen noch geöffnet auf der spiegelglatten Wasseroberfläche aber bald werden sie sich in der Dämmerung schließen, die Tage sind nicht mehr so lang. Es riecht ein bisschen erdig und nach dem Abendessen, das im Haus gekocht wird. Es ist August und ich klettere die Böschung hinauf aus dem See.
Natürlich ist der Juli kirschrot und sonnenverbranntesgrasgelb und blätterkronengrün. Diesmal schmeckt er außerdem nach Regenschauern. Und nach Karl-Marx-Stadt und indesign und Feste feiern wie sie fallen.

Juni ist, wenn das satte Grün der Wiesen langsam strohig wird. Ist die Sonnencreme von letztem Jahr eigentlich noch gut? Juni ist mit schwitzigen Fingern in die Tasten des Laptops hauen. Ist es heute warm oder sehr warm?
Juni ist doch nochmal die lange Hose und den Pulli rausholen. Ist das Telefonat jetzt wirklich Teil unserer Prüfungsleistung? Juni ist eigentlich zu drei Vierteln noch Frühling.
An einem Maimorgen ist es noch kühl, die Sonne blinzelt, Übergangsjackenwetter. Maimittags ist es manchmal plötzlich vorsommerlich warm und eine Pause auf der Parkwiese empfiehlt sich zutiefst. Maimanchmal ist es aber auch kühl, wenn man Glück hat, trotzdem sonnig. Maiabends kann man von der heraufziehenden Kälte böse überrascht werden, sie ist zeitiger da als die Dämmerung, die einen mit langem Licht in falscher Sicherheit wiegt. Maitipp an der Stelle: in der Picknickdecke von vorher einwickeln.
Wenn die Schränke durchwühlt werden auf der Suche nach Cetirizinbeständen vom letzten Jahr, Sonnencremegeruch noch etwas freudiges hat, der erste Grillkäse sein Aroma durch den Hinterhof wehen lässt und man ständig schauen muss, wann wo welche Uni-Veranstaltung stattfindet, dann ist April.
Es wurde März und der Husten wurde besser. Es wurde März und die Wege vertrauter, viele Wörter geschrieben, die Stadt etwas lichter, eine andere besucht, der Heimweg angetreten. Es wurde März.
Februar als rarer Sonnenschatten auf den Vorhangfalten. Als Schnee auf den vorbeifliegenden Feldern, Abendlicht auf fremden Heimwegen, Neues auf nüchternem Magen, Abgeholtwerden auf dem Bahnsteig, Worte auf Seiten, Blumen auf dem Schreibtisch, auf Zeit, auf lock, aufgeregt, auf geht’s.

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