{"id":765,"date":"2023-10-18T15:05:00","date_gmt":"2023-10-18T14:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mariestinana.de\/?p=765"},"modified":"2024-03-17T22:42:19","modified_gmt":"2024-03-17T21:42:19","slug":"was-anschlaege-erzaehlen-terrorismus-als-kommunikation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mariestinana.de\/?p=765","title":{"rendered":"Was Anschl\u00e4ge erz\u00e4hlen &#8211; Terrorismus als Kommunikation"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Eigentlich zielt Terrorismus immer auf Medienaufmerksamkeit ab. Anschl\u00e4ge werden medienwirksam nach den Regeln des Nachrichtenwerts inszeniert, denn Terrorist*innen wollen nicht nur Opfer verletzen, sondern auch ein Publikum einsch\u00fcchtern. Die Terrorgruppe, die im gr\u00f6\u00dften Prozess seit der Wiedervereinigung Deutschlands belangt wurde, hat sich allerdings erst Jahre nach ihrem letzten Mordanschlag dazu bekannt. Damit entzog sich der sogenannte \u201eNationalsozialistische Untergrund\u201c der Medienlogik rund um Terrorberichterstattung. Stattdessen verfolgten sowohl die Sicherheitsbeh\u00f6rden als auch die Medien vor allem Narrative der organisierten Kriminalit\u00e4t oder verd\u00e4chtigten Angeh\u00f6rige und Opfer der Anschl\u00e4ge. <\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Das Wort Terrorismus kommt vom lateinischen terr\u0113re: erschrecken, in Schrecken versetzen, das wiederum aus dem das Wort terror, terroris: der Schrecken abgeleitet wurde. In der Alltagssprache wurde der Begriff erstmals in der Franz\u00f6sischen Revolution in Bezug auf die Terror-Herrschaft (\u201er\u00e9gne de la terreur\u201c) der Jakobiner angewendet. Dabei handelte es sich um Gewalt, die eine herrschende Macht gegen ihre Feinde anwendet, heute differenzierter als Staatsterrorismus bezeichnet. Seit russischen Anarchistengruppen im 19. Jahrhundert werden auch die Taten von Gruppen, die sich gegen ihr Regime richten, als Terrorismus bezeichnet. Diese Unterscheidung von Terrorismus in Repression und Revolte ist eine der grundlegenden Matriken, an denen verschiedene Formen des Terrorismus differenziert werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Eine einheitliche Definition gibt es f\u00fcr Terrorismus nicht, oft werden aber die Begriffe violence und force, political, fear und threat verwendet. Au\u00dferdem haben viele Definitionen gemein, dass sie den symbolischen, provokativen oder vergeltenden Charakter, die Wahllosigkeit und den Fokus auf die Zivilbev\u00f6lkerung hervorheben, um Terrorismus von anderer Gewalt abzugrenzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass Terrorismus immer auch eine Massenkommunikationsebene inne liegt, zeigt sich am verbreiteten Vergleich terroristischer Taten mit Theater. Die Parallele wird damit begr\u00fcndet, dass neben den tats\u00e4chlichen Opfern eines Terroraktes die eigentliche Zielgruppe die unbeteiligten Zuschauenden sind. Deswegen sind Terroristische Anschl\u00e4ge sorgf\u00e4ltig inszeniert und in dramatischer und theatralischer Weise auf Aufmerksamkeit ausgerichtet. Ein hochkomplexer Sachverhalt wird m\u00f6glichst einpr\u00e4gsam als \u201e\u00e4sthetisiertes Schauspiel von Gewalt und Zerst\u00f6rung\u201c dargestellt. Der schockierende Effekt, den terroristische Anschl\u00e4ge auf \u201eBeteiligte und Rezipierende\u201c haben, ist dabei kein nebens\u00e4chliches Merkmal sondern zentraler Bestandteil terroristischer Logik und Strategie, die auf maximale Aufmerksamkeit ausgerichtet sind. F\u00fcr diese Aufmerksamkeit eines m\u00f6glichst gro\u00dfen Publikums sind die terroristischen Akteur*innen auf Medien angewiesen. Besonders gewaltsame oder spektakul\u00e4re Taten werden eher von Medien publiziert und erlangen somit eher die Aufmerksamkeit der Bev\u00f6lkerung. Daher werden terroristische Taten an die Selektionskriterien der Nachrichtenmedien angepasst, dieser Zusammenhang wird in Kapitel 3.3 noch weiter erl\u00e4utert. Schon die Zeloten im antiken Pal\u00e4stina ver\u00fcbten ihre Anschl\u00e4ge bevorzugt auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen oder an Feiertagen, um m\u00f6glichst viele Zeug*innen und Multiplikatoren zu haben, die die Nachricht und damit den Schrecken weiter verbreiteten.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend im wissenschaftlichen Diskurs keine Einigung auf eine Definition von Terrorismus vorherrscht, besteht ein Konsens dazu, dass es einen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Medien gibt. Beide Parteien profitieren direkt von einer Berichterstattung \u00fcber Terrorakte: Einschaltquoten und Relevanz werden gegen Aufmerksamkeit und Bekanntmachung der terroristischen Ideologie getauscht. Daher wird auch von einer symbiotischen Beziehung zwischen Terrorismus und Medien gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kommunikation von terroristischen Akteur*innen l\u00e4sst sich auf zwei Kategorien aufteilen: Bei der Kommunikation durch Taten wird durch die Auswahl symbolhafter Anschlagsziele deren Ablehnung kommuniziert. Aber auch durch Bekenntnisse und andere \u00f6ffentliche Statements k\u00f6nnen Terrorist*innen ihre Gesinnung und Ideologie kommunizieren. Diese im Linksterrorismus und Islamismus \u00fcblichen Bekennerschreiben oder Identifikationszeichen am Tatort sind im rechtsextremen Terror nur bei einer Minderheit vertreten. Die Taten sind oft auch ohne Stellungnahme den Akteuren zuzuordnen, denn die Auswahl der Opfer oder Objekte l\u00e4sst auf die politische Ideologie schlie\u00dfen. Und der psychologische Effekt, eine Zielgruppe zu terrorisieren ist dadurch auch ohne Proklamation konkreter Akteur*innen dadurch erreicht. Durch die h\u00e4ufige Abwesenheit klarer Bekenntnisse weist der rechtsextreme Terror allerdings strukturelle Unterschiede zu anderen Terrorformen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ist der NSU also nicht alleine. Seine Kommunikation untersuche ich f\u00fcr meine Bachelorarbeit und vergleiche die Berichterstattung mit klassischer Terrorismusberichterstattung. Vielleicht gibt es dazu dann auch noch einen Artikel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich zielt Terrorismus immer auf Medienaufmerksamkeit ab. Anschl\u00e4ge werden medienwirksam nach den Regeln des Nachrichtenwerts inszeniert, denn Terrorist*innen wollen nicht nur Opfer verletzen, sondern auch ein Publikum einsch\u00fcchtern. Die Terrorgruppe, die im gr\u00f6\u00dften Prozess seit der Wiedervereinigung Deutschlands belangt wurde, hat sich allerdings erst Jahre nach ihrem letzten Mordanschlag dazu bekannt. 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