{"id":748,"date":"2022-04-08T16:34:00","date_gmt":"2022-04-08T15:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mariestinana.de\/?p=748"},"modified":"2024-01-19T14:45:56","modified_gmt":"2024-01-19T13:45:56","slug":"hate-im-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/mariestinana.de\/?p=748","title":{"rendered":"Hate im Internet"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Online Medien bieten nicht nur zahllose M\u00f6glichkeiten zur Teilhabe, f\u00fcr einen flexiblen Wechsel zwischen Kommunikator- und Rezipientenrolle und f\u00fcr mehr \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr wichtige Themen \u2013 sie haben auch unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen. Eine davon ist Inzivilit\u00e4t, also Hassrede, beleidigende, verleumdende, nicht jugendfreie oder andere rechtswidrige Inhalte. Eine besondere Form davon sind Shitstorms, so nennt man kollektive Emp\u00f6rung oder Kritik, die innerhalb eines begrenzten Zeitraums und auf ein Ziel gerichtet stattfindet. Im Gegensatz dazu ist Trolling ein Normversto\u00df in der pers\u00f6nlichen Interaktion. Dabei st\u00f6ren einzelne User den Diskurs auf eine besonders disruptive Art. Meist ohne inhaltlichen Grund wird es auch \u201eSt\u00f6ren um des St\u00f6rens willen\u201c genannt. <\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-columns\">\n<div class=\"wp-block-column\" style=\"flex-basis:100%\">\n<p><em>HINWEIS: Dies hier ist eine Viertverwertung eines Themas, das will ich ganz transparent machen. Zuerst sprach ich dar\u00fcber im Powerpointabend zur interdisziplin\u00e4ren Verst\u00e4ndigung zwischen Wirtschaftsinformatikerinnen, Politikwissenschaftlerinnen, Mathematikerinnen und Publizistinnen (aka Freundinnenskypecall). Dann wurde eine Hausarbeit daraus. Und wegen einem unvorsichtigen Nebensatz im B\u00fcro kam dann noch eine kleine Pr\u00e4sentation auf der Arbeit dazu. Warum also kein Blogartikel?<\/em> <\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#0267a1\"><strong>Was passiert gerade?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir bemerken mehr Inzivilit\u00e4t in Online Medien. Wenn man pl\u00f6tzlich mehr von etwas findet, kann das daran liegen, dass es vermehrt auftritt. Im Falle von inzivilen Kommentaren spielen aber auch Wahrnehmungseffekte eine Rolle. Das ist zum Ersten die gesteigerte Sichtbarkeit und \u00f6ffentliche Zug\u00e4nglichkeit von Debatten und Diskursen. Weil die Menschen nicht nur die Inhalte der Medienbeitr\u00e4ge verfolgen, sondern auch die Gedanken der anderen Nutzenden sehen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem ist die schnelle und weite Verbreitung durch die technischen M\u00f6glichkeiten stark vereinfacht worden. Nicht nur aber auch wegen den Algorithmen der Sozialen Medien werden emotional aufgeladenen Inhalte wesentlich schneller und weiter distribuiert. Die Algorithmen analysieren n\u00e4mlich das \u201eengagement\u201c eines Posts, also wieviel die Nutzenden damit interagieren in Form von Likes, Shares und Kommentaren. Und eben diese emotional aufgeladenen Inhalte, die Angst ausl\u00f6sen, \u00c4rger erregen oder polarisieren, rufen besonders viel \u201eengagement\u201c hervor.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ausgehend von dieser Emotionalit\u00e4t, die nah an krassen Kommentaren liegt, gibt es auch Hinweise, dass negatives Kommentarverhalten tats\u00e4chlich mehr auftritt, aufgrund ver\u00e4nderter Kommunikationsbedigungen und (Gruppen-) Normen. So tr\u00e4gt die Anonymit\u00e4t als Grundprinzip des Internets entschieden zur Enthemmung der Nutzenden bei. Anonymit\u00e4t und Deindividualisierung haben auch au\u00dferhalb der Onlinekommunikation ein verringertes Verantwortungsbewusstsein zur Folge, diese Prozesse wurden schon in den Achtzigerjahren psychologisch erforscht. Die Effekte werden noch weiter verst\u00e4rkt durch die fehlenden sozialen Hinweisreize, die in der Face-to-face-Kommunikation mit Gestiken, Mimik und Intonation regulieren. Ein weiterer Grund f\u00fcr mehr Inzivilit\u00e4t sind motivationale Aspekte und Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale. Die meisten davon k\u00f6nnen mit emotionalen Prozessen erkl\u00e4rt werden. Negative Kommentare zu schreiben kann n\u00e4mlich dabei helfen, angestauten negativen Emotionen Raum zu machen, die in der Passivit\u00e4t der Rezeption unangenehm auf den Nutzenden lasten. Au\u00dferdem dient die gezielte und kollektive Inzivilit\u00e4t dazu, sich der von einer Fremdgruppe abzugrenzen und darum den eigenen Gruppenzusammenhalt zu st\u00e4rken. Zus\u00e4tzlich dazu k\u00f6nnen einige Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale Inzivilit\u00e4t erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#045e85\"><strong>Welche Wirkungen hat das, was passiert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Wirkungen von Inzivilit\u00e4t in den sozialen Online-Medien unterscheidet man vier Bereiche: Wirkungen auf Einstellungen, Meinungen und Verhalten, Wirkungen auf Stimmungen und Emotionen, sowie Wirkungen auf Vorstellungen und Wissen. All diese Bereiche wirken aber auch wechselseitig aufeinander. Generell k\u00f6nnen nur solche Inhalte Wirkungen entfalten, die die Aufmerksamkeit der User*innen erregen. Diese Relevanzbeurteilung geschieht oft innerhalb der Sekunden, in denen Nutzende entscheiden, ob sie weiterscrollen oder nicht. Ein positiver Faktor in diesem Urteil ist eine hohe Anzahl an Kommentaren, Aufrufen oder Shares. Auch Kontroverse wirkt sich positiv auf das Relevanzurteil aus. Allerdings wird ein Beitrag mit vielen inzivilen Kommentaren eher als qualitativ minderwertig wahrgenommen. Dieser Effekt gilt nicht in die andere Richtung: die Pr\u00e4senz ziviler Kommentare f\u00fchrt nicht zu einer h\u00f6heren Qualit\u00e4tsbeurteilung.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Forschung zur Definition von Inzivilit\u00e4t konnte festgestellt werden, dass vor allem die Androhung von Gewalt und beleidigende Sprache von vielen als Inzivilit\u00e4t beurteilt wurden, w\u00e4hrend inhaltliche Kritik eher als zivil wahrgenommen wird. Au\u00dferdem konnten Ausstrahlungseffekte gefunden werden; die negativen Emotionen der Kommentare \u00fcbertragen sich quasi auf die Lesenden und k\u00f6nnen so zu noch mehr inzivilen Kommentaren f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Journalist*innen und andere Medienschaffende sind oft die Adressat*innen inziviler Kommentare. Das kann dazu f\u00fchren, dass sie sich eingesch\u00fcchtert f\u00fchlen und konfliktreiche Darstellungen und Berichte vermeiden wollen. Besonders Frauen sind Leidtragende von Online-Inzivilit\u00e4t; sowohl Userinnen als auch Journalistinnen werden oft Opfer inziviler Kommentare und entscheiden deshalb oft sich selbst zu zensieren oder sich aus den sozialen Netzwerken zur\u00fcck zu ziehen. Hate Speech kann traumatische Effekte hervorrufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#026d9a\"><strong>Was kann man gegen das, was da passiert, tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Methoden Inzivilit\u00e4t in Onlinemedien zu begegnen, sowohl pr\u00e4ventive als auch repressive Strategien. Letztere erm\u00f6glicht etwa das Netz-Durchsetzungsgesetz, aufgrund dessen einzelne Kommentare gel\u00f6scht und Nutzer*innen blockiert werden k\u00f6nnen. Das gilt dann aber nur f\u00fcr strafrechtliche relevante Inhalte und nicht f\u00fcr die vielen F\u00e4lle im Graubereich, die aber trotzdem von anderen Nutzenden als inzivil wahrgenommen werden. Hier wird viel mit Moderation und Community Management gearbeitet, also eher vorbeugend wirkenden Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei gibt es die Kollaborative Moderation, die oft den anderen Nutzenden die M\u00f6glichkeit gibt, problematische Kommentare zu flaggen und sich dann vorbeh\u00e4lt, diese zu l\u00f6schen. Bei der inhaltlichen Moderation l\u00f6schen professionelle Moderator*innen alle Kommentare, die ihnen unangemessen erscheinen. Entweder geschieht diese Pr\u00fcfung vor der Ver\u00f6ffentlichung der Kommentare oder danach. Hier wird oft mit Netiquetten gearbeitet, also \u00f6ffentlich einsehbare \u201eSpielregeln\u201c, an denen die Nutzenden sehen k\u00f6nnen, welche Kommentare okay sind und welche entfernt werden. Die interaktive Moderation zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Moderator*innen an der Diskussion in der Kommentarspalte teilnehmen. Entweder geben sie in einer Helferrolle Komplimente oder Zusatzinfos, oder sie vermitteln zwischen Nutzenden in einer Art Regulatorrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Alternativ k\u00f6nnen die Verantwortlichen Inzivilit\u00e4t mit aktiver Gegenrede bek\u00e4mpfen. Dabei wird die die Hassrede oder Falschinformation mit Argumentation \u201eentlarvt\u201c und entkr\u00e4ftet. Allerdings bleiben die anderen Nutzenden oft eher passiv als einzugreifen, was auch am \u201eBystander-Effekt\u201c liegen kann, also dem Umstand, dass unbeteiligte Beisteher*innen seltener eingreifen, wenn sie Teil einer gro\u00dfen Gruppe sind und sich dadurch weniger verantwortlich f\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Gegenbotschaften treten der Inzivilit\u00e4t aktiv entgegen, in Form von professionellen Antwortbeitr\u00e4gen. Diese werden oft aber erneut Gegenstand neuer Inzivilit\u00e4t und k\u00f6nnen einen Kreislauf der negativen Kommentare ausl\u00f6sen. Geeigneter ist da ein systemischer Ansatz, bei dem man dem Problem mit Medienkompetenz zuvorzukommen versucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Aus meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung in meinem Nebenjob wei\u00df ich, dass die Grenze zwischen dem L\u00f6schen und dem Stehenlassen eines Kommentars oft schmerzhaft ist. Besonders als \u00f6ffentlich-rechtlicher Kanal scheint man es niemandem recht machen zu k\u00f6nnen. Wird ein Kommentar gel\u00f6scht riskiert man erboste Zensurvorw\u00fcrfe und schlimmstenfalls einen Shitstorm von Gleichgesinnten, die sich in ihrem Glauben an die L\u00fcgenpresse und Staatsmedien best\u00e4tigt sehen. Aber man hat auch eine Verantwortung gegen\u00fcber den Protagonist<em>innen eines Beitrags, die sich f\u00fcr den Kanal verletzlich exponiert haben und gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen vor pers\u00f6nlichen Angriffen. Erweitert gilt diese Verantwortung auch gegen\u00fcber den anderen Rezipient<\/em>innen, die von Fake News in die Irre geleitet, von beleidigender Sprache verletzt werden und Au\u00dferdem k\u00f6nnen fiese Kommentare die Community eines Kanals zerst\u00f6ren, die anderen Nutzenden eher vom Kommentieren abbringen und somit mehrfach negative Wirkungen haben. Deswegen ist gutes Community Management unabdinglich und obwohl nicht die ideale, in meinen Augen die beste L\u00f6sung. Je nach Art des Kanals ist eine kollaborative, inhaltliche oder interaktive Moderation am geeignetsten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Online Medien bieten nicht nur zahllose M\u00f6glichkeiten zur Teilhabe, f\u00fcr einen flexiblen Wechsel zwischen Kommunikator- und Rezipientenrolle und f\u00fcr mehr \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr wichtige Themen \u2013 sie haben auch unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen. 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